Die Thermodynamik bei Frost: Wie entsteht Wärme aus eisiger Luft?
Auf den ersten Blick wirkt es kontraintuitiv: Wie kann eine Luft-Wasser-Wärmepumpe einem frostigen Luftstrom von −10 °C oder −15 °C nutzbare Raumwärme von 50 °C entziehen?
Die Antwort liegt in der physikalischen Siedetemperatur moderner Kältemittel. Das im Jahr 2026 dominierende natürliche Kältemittel R290 (Propan) besitzt bei Umgebungsdruck einen Siedepunkt von −42,1 °C (zum Vergleich: Wasser siedet erst bei +100 °C).
Der Kreisprozess bei Frost verläuft in vier kontinuierlichen Schritten:
- Wärmeaufnahme (Verdampfung): Selbst eine Außenluft von −15 °C ist mit einer Temperaturdifferenz von fast 27 Kelvin wesentlich wärmer als das im Verdampfer zirkulierende flüssige Kältemittel. Das Kältemittel nimmt die Umweltwärme auf und geht in den gasförmigen Zustand über.
- Kompression: Der elektrisch angetriebene Inverter-Verdichter komprimiert das Kältemittelgas. Nach den Gesetzen der Thermodynamik steigen bei der Druckerhöhung Druck und Temperatur sprunghaft an – das Gas erhitzt sich auf 75 bis 90 °C.
- Wärmeabgabe (Verflüssigung): Im Plattenwärmetauscher (Kondensator) überträgt das heiße Kältemittelgas seine Energie auf das Heizungswasser des Hauses. Dabei kühlt es ab und verflüssigt sich wieder.
- Entspannung: Ein elektronisches Expansionsventil baut den Druck wieder ab. Die Temperatur des Kältemittels sinkt schlagartig wieder auf unter −35 °C, und der Kreislauf beginnt von vorn.
Selbst bei tiefstem mitteleuropäischem Winterfrost enthält die Umgebungsluft gigantische Mengen thermischer Energie. Erst am absoluten Nullpunkt (−273,15 °C) kommt jede atomare Wärmebewegung zum Stillstand.
---
COP vs. Außentemperatur: Die Leistungsmatrix nach EN 14511
Der Momentanwirkungsgrad einer Wärmepumpe wird durch den COP (Coefficient of Performance) angegeben. Er definiert das Verhältnis von abgegebener thermischer Heizleistung zur aufgenommenen elektrischen Kompressorleistung.
Je geringer der Temperaturhub zwischen der Außenluft und dem Heizungsvorlauf ist, desto effizienter arbeitet das System. Die nachfolgende Tabelle zeigt die realen Prüfstands- und Praxiskennzahlen moderner R290-Luft-Wasser-Wärmepumpen (7–10 kW Nennleistung) bei Norm-Messpunkten nach EN 14511 für Niedertemperatursysteme (Fußbodenheizung 35 °C Vorlauf) und Bestandsanlagen (Heizkörper 55 °C Vorlauf):
| Außentemperatur | COP bei W35 (Fußbodenheizung) | COP bei W55 (Heizkörper) | Aus 1 kWh Strom wird Wärme (W35 / W55) | Wärmekosten W35 (bei 32 ct/kWh Strom) | Wärmekosten W55 (bei 32 ct/kWh Strom) |
|---|---|---|---|---|---|
| +7 °C (Übergangszeit) | 5,10 | 3,45 | 5,10 kWh / 3,45 kWh | 6,27 ct/kWh | 9,28 ct/kWh |
| +2 °C (Nasskalt / Abtauzone) | 4,15 | 2,85 | 4,15 kWh / 2,85 kWh | 7,71 ct/kWh | 11,23 ct/kWh |
| −7 °C (Typischer Frosttag) | 3,05 | 2,30 | 3,05 kWh / 2,30 kWh | 10,49 ct/kWh | 13,91 ct/kWh |
| −15 °C (Strenge Frostnacht) | 2,45 | 1,95 | 2,45 kWh / 1,95 kWh | 13,06 ct/kWh | 16,41 ct/kWh |
| −20 °C (Extremer Ausnahmefall) | 1,95 | 1,65 | 1,95 kWh / 1,65 kWh | 16,41 ct/kWh | 19,39 ct/kWh |
Vergleichswert 2026: Erdgas kostet inklusive Mehrwertsteuer und CO₂-Abgabe ca. 11,5 bis 12,5 Cent/kWh thermisch, leichtes Heizöl ca. 11,0 Cent/kWh. Die Matrix belegt: Bei Fußbodenheizung (W35) heizt die Wärmepumpe selbst bei eisigen −7 °C noch günstiger als jede Gastherme. Bei alten Heizkörpern (W55) liegen die Wärmekosten bei starkem Frost etwa gleichauf mit fossilen Brennstoffen — an den verbleibenden rund 340 milderen Heiztagen des Jahres schlägt die Wärmepumpe fossile Kessel jedoch um Längen. Die ganzjährige Gesamteffizienz verdeutlicht die Jahresarbeitszahl (JAZ) nach VDI 4650.
---
Bivalenzpunkt und elektrischer Heizstab: Wann springt er wirklich an?
In der Wärmepumpenplanung bezeichnet der Bivalenzpunkt die Außentemperatur, ab der die thermische Leistung der Wärmepumpe exakt der Heizlast des Gebäudes entspricht. Sinkt die Temperatur unter diesen Wert, schaltet die Steuerung bei Bedarf eine zusätzliche Wärmequelle zu — in den allermeisten Einfamilienhäusern ist dies der im Innengerät integrierte elektrische Heizstab (Heizflansch, typischerweise 3 bis 9 kW).
Wie oft läuft der Heizstab im realen Winter?
Viele Eigentümer befürchten, dass der Heizstab im Winter zum Dauerläufer wird. Ein professionell nach DIN EN 12831 geplantes System wird in Deutschland auf einen Bivalenzpunkt von −5 °C bis −8 °C ausgelegt.
| Auslegung & Bivalenzpunkt | Anteil WP an Jahreswärme | Anteil Heizstab an Jahreswärme | Zusätzliche Heizstab-Stromkosten / Jahr | Bewertung für Einfamilienhäuser |
|---|---|---|---|---|
| Monovalent (Bivalenzpunkt −14 °C) | 100 % | 0 % | 0 € | Unwirtschaftlich: WP im Sommer stark überdimensioniert |
| Monoenergetisch optimal (Bivalenz −7 °C) | 98,0 % | 2,0 % | ca. 35 – 70 € | Goldstandard 2026: Perfekte Balance aus Invest & Verbrauch |
| Unterdimensioniert (Bivalenzpunkt 0 °C) | 88,0 % | 12,0 % | ca. 250 – 450 € | Mangelhafte Planung: Zu viel Direktstromverbrauch |
In durchschnittlichen deutschen Wintern liegt die Außentemperatur nur an etwa 30 bis 80 Stunden unter −7 °C. Selbst an diesen Tagen deckt die Wärmepumpe noch 80 % der Last ab, und der Heizstab moduliert mit lediglich 1 bis 2 kW zu.
Außerhalb der extremen Spitzenlast übernimmt der Heizstab nur zwei kurze Sonderaufgaben:
- Abtauunterstützung: Während der Kreislaufumkehr (Dauer: ca. 2–4 Minuten), um ein Auskühlen des Heizkreises zu verhindern.
- Hygieneschaltung (Legionellenschutz): Einmal wöchentliches Aufheizen des Trinkwasserspeichers auf über 60 °C.
---
Reale Winter-Stromkostenabrechnung 2026: Ein Praxis-Rechenbeispiel
Um die realen finanziellen Belastungen darzustellen, betrachten wir ein typisches teilsaniertes Einfamilienhaus (Baujahr 1985, 140 m² Wohnfläche, Heizkörper mit 50 °C Vorlauf, Jahresheizwärmebedarf 18.000 kWh thermisch).
Die Tabelle schlüsselt die drei kältesten Monate der Heizperiode auf (Strompreis Basis: regulärer Strom 32 Cent/kWh bzw. reduzierter Wärmepumpentarif nach § 14a EnWG von 24 Cent/kWh):
| Wintermonat | Ø Außentemperatur | Monatlicher Wärmebedarf | Mittlerer Monats-COP | Stromverbrauch Wärmepumpe | Stromverbrauch Heizstab | Gesamtkosten bei 32 ct/kWh | Gesamtkosten mit WP-Tarif (24 ct) |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Dezember | +1,8 °C | 2.800 kWh | 2,90 | 950 kWh | 15 kWh | 308,80 € | 231,60 € |
| Januar (kältester Monat) | +0,4 °C | 3.300 kWh | 2,75 | 1.175 kWh | 25 kWh | 384,00 € | 288,00 € |
| Februar | +1,9 °C | 2.600 kWh | 2,85 | 895 kWh | 17 kWh | 291,84 € | 218,88 € |
| Kernwinter gesamt | — | 8.700 kWh | Ø 2,83 | 3.020 kWh | 57 kWh | 984,64 € | 738,48 € |
Das Ergebnis zeigt: Im kältesten Monat Januar belaufen sich die Stromkosten auf rund 288 bis 384 Euro. Das entspricht exakt den früheren monatlichen Brennstoffkosten von ca. 300 Litern Heizöl oder 320 m³ Erdgas. Der Unterschied: In den restlichen acht milderen Monaten brechen die Heizkosten der Wärmepumpe massiv ein, während Öl- und Gaskunden über das gesamte Jahr hohe Bereitstellungskosten tragen. Detaillierte Berechnungsansätze finden Sie im Ratgeber zum Wärmepumpen-Stromverbrauch berechnen.
---
Die Physik des Abtauvorgangs (Defrosting) bei Frost
Viele Anlagenbesitzer wundern sich, dass das Außengerät bei feuchtmilden +3 °C scheinbar mehr dampft und abtaut als bei trockenen −12 °C. Das liegt an der relativen Luftfeuchte:
- Kalte Luft unter −5 °C ist extrem trocken und enthält kaum noch absolute Feuchtigkeit. Die Reifbildung verläuft sehr langsam.
- Im Bereich von 0 °C bis +5 °C ist die Luft oft mit Wasser gesättigt (Nebel, Regen). Da der Verdampfer der Wärmepumpe 5 bis 8 Kelvin kälter ist als die Außenluft, bildet sich innerhalb von 60 bis 90 Minuten eine dichte Eisschicht auf den Aluminiumlamellen.
Der automatische Abtauzyklus im Ablauf:
- Erkennung: Drucksensoren und Temperaturfühler am Verdampfer registrieren einen erhöhten Luftwiderstand und den Abfall der Verdampfungstemperatur.
- Kreislaufumkehr: Ein Vierwegeventil schaltet um. Heiße Heißgasdämpfe werden direkt in den vereisten Verdampfer geleitet.
- Schmelzvorgang: Das Eis taut innerhalb von 2 bis 4 Minuten ab. Das Schmelzwasser läuft über die beheizte Kondensatwanne ab.
- Energiebilanz: Ein einzelner Abtauzyklus benötigt lediglich ca. 0,10 bis 0,20 kWh Energie. Bei 4 bis 6 Zyklen an kritischen Tagen summiert sich dies auf weniger als 1 kWh pro Tag — ein völlig vernachlässigbarer Kostenfaktor von rund 30 Cent.
---
Die 5 hartnäckigsten Winter-Mythen im Faktencheck
Mythos 1: „Bei Minusgraden schaltet sich die Wärmepumpe ab.“
Falsch. Moderne Wärmepumpen arbeiten bis mindestens −20 °C oder gar −25 °C (wie Modelle von NIBE oder Viessmann im Herstellervergleich). Die Kältemittelverdampfung reißt erst ab, wenn die Außentemperatur unter den Siedepunkt des Kältemittels fällt — was bei R290 erst bei −42 °C der Fall wäre.
Mythos 2: „Im Altbau mit Heizkörpern friert man im Winter.“
Falsch. Ältere Wärmepumpen mit R410A stießen bei 55 °C Vorlauf an ihre Grenzen. Moderne R290-Wärmepumpen erreichen problemlos 70 bis 75 °C Vorlauftemperatur, ohne dass der Heizstab eingreifen muss. Selbst in ungedämmten Häusern werden alle Räume behaglich warm, wie unser Praxisratgeber zur Wärmepumpe im Altbau belegt.
Mythos 3: „Der Heizstab verursacht 50 Prozent der Stromkosten.“
Falsch. Zahlreiche wissenschaftliche Feldtests des Fraunhofer ISE belegen: In fachgerecht dimensionierten Anlagen liegt der reale Heizstabanteil an der Jahresheizarbeit bei unter 2 Prozent. Ein hoher Heizstabverbrauch ist immer die Folge eines Montagefehlers (z. B. fehlender hydraulischer Abgleich, fehlerhafte Heizkurve oder falsch eingestellter Bivalenzpunkt).
Mythos 4: „Das Außengerät muss im Winter mit einer Plane eingepackt werden.“
Gefährlicher Irrglaube. Wer das Außengerät im Winter abdeckt, schneidet die Wärmepumpe von ihrer Wärmequelle ab. Der Ventilator saugt keine Luft mehr an, das Gerät schaltet auf Hochdruckstörung und das Haus bleibt kalt.
Mythos 5: „Wärmepumpen eignen sich nur für südeuropäisches Klima.“
Die Realität beweist das Gegenteil: Die weltweiten Spitzenreiter bei der Wärmepumpennutzung sind Norwegen (über 60 % aller Haushalte), Schweden und Finnland. Dort herrschen im Winter wochenlang Temperaturen unter −15 °C.
---
Winter-Checkliste für Wärmepumpen-Besitzer
Um maximale Effizienz und absolute Ausfallsicherheit an frostigen Tagen zu gewährleisten, sollten folgende Maßnahmen vor Wintereinbruch geprüft werden:
- Freier Kondensatablauf: Sicherstellen, dass das Kondenswasserrohr frostfrei in ein Kiesbett oder die Kanalisation entwässert und nicht durch Laub verstopft ist.
- Heizkurve feinfühlig absenken: Die Vorlauftemperatur nur so hoch wie nötig einstellen. Jedes Grad weniger Vorlauftemperatur spart rund 2,5 Prozent Strom.
- Pufferspeichervolumen prüfen: Ein Pufferspeicher für die Wärmepumpe sichert die nötige thermische Energie für den winterlichen Abtauvorgang, ohne den Wohnräumen Wärme zu entziehen.
- Keine Nachtabsenkung im tiefen Frost: Bei Außentemperaturen unter 0 °C sollte auf eine drastische Nachtabsenkung verzichtet werden. Das Wiederaufheizen der ausgekühlten Speichermasse am Morgen zwingt die Wärmepumpe in die Volllast und provoziert unnötigen Heizstabeinsatz.




